Die folgenden Gedanken habe ich direkt im Lektürenabschlußanschluß in einem Wusch niedergeschrieben, ohne lange Grübelei oder Beachtung von Sekundärliteratur, und zuallererst als persönliche Gedächtnisstütze. Man möge mich daher nicht daran messen. Nichtsdestoweniger findet vielleicht jemand Gefallen oder gar Nutzen an dem Folgenden.
Dieser Beitrag Diderots zur Schauspieltheorie ist eine wunderbar zu lesende Fürsprache des äußerlichen, kontrollierten, nachahmenden Spiels. Geniales Schauspiel entstehe nicht, indem eine Schauspielerin sich mit ihrer jeweiligen Rolle identifiziere und echtes Gefühl äußere, denn dann könne sie erstens nur sich selbst oder zumindest eine sehr begrenzte Sparte von Rollen und Situationen spielen und dies zweitens nicht einmal bühnenwirksam; vielmehr müsse sie, wie ein genialer Dichter oder jedes andere Genie auch, mit kühler Distanz entscheiden und vollführen, welche Handlungsweise auch immer ihr die angemessenste erscheine. Dies stelle nebenbei die Reproduzierbarkeit des Spiels sicher, die bei gefühlvollem Schauspiel nicht gegeben sei.
Gedanken hierzu:
– Nachahmen ist weniger leicht und Nachfühlen weniger schwierig als Diderot voraussetzt: Durch systematisches In-sich-Gehen und Übungen zum Heraufbeschwören von Stimmungen können Schauspieleriche und Schauspielerinnen sehr wohl Charaktere innerlich spielen, die von den eigenen beträchtlich abweichen. Kontrollierte Nachahmung andererseits so zu vervollkommnen, daß auch kleinste, gewöhnlicherweise unbewußte Gesichtszuckungen, kaum bewußt merkliche Schwankungen der Stimme und dergleichen Dinge der gespielten Rolle und Situation angemessen sind, halte ich für unmöglich.
– Es gibt nicht nur rein innerliches/nachfühlendes und rein äußerliches/nachahmendes Spiel, sondern unzählige Mischformen. Genauer gesagt ist immer und jederzeit die Frage, was noch kontrolliert wird und was irgendeiner Form der Spontaneität (als ob es nur eine gäbe…) überlassen wird.
– Auch ist innerliches Spiel keineswegs unvereinbar mit Bühnenwirksamkeit, wie der „Zweite“ des Dialogs andeutet, aber nicht auszuführen in der Lage ist:
„ZWEITER. Ich denke daran, Ihnen einen Vergleich vorzuschlagen: dem natürlichen Gefühl des Schauspielers jene seltenen Momente zuzusprechen, da er seine Überlegung verliert, das Theater nicht mehr sieht, da er vergißt, daß er auf der Bühne steht, sich selbst vergißt, da er in Argos, in Mykene ist, da er die Person wird, die er spielt. Er weint.
ERSTER. Im Versmaß?
ZWEITER. Im Versmaß. Er schreit.
ERSTER. Richtig?
ZWEITER. Richtig.
[…]
ERSTER. […] Aber sagen Sie mir, hört das Theater in diesem Augenblick nicht auf, ein Vergnügen zu sein, und wird eine Qual für Sie?
ZWEITER. O nein!
ERSTER. Und ist das erfundene Leiden nicht eindrucksvoller als der häusliche reale Anblick einer trauernden Familie am Sterbebett eines geliebten Vaters oder einer angebeteten Mutter?
ZWEITER. O nein!“ (S. 57 f.)
– Diderot scheint mir einen bewußt sehr engen Begriff davon zu haben, was Theater ist und sein soll (wohingegen ich Theater als die Philosophie unter den Künsten sehe: Es darf alles behandelt werden, was die anderen auslassen, mindestens). Ganz ungeniert sagt der „Erste“ nämlich: „[…] es gibt Grenzen, in denen man sich halten muß. — Und wer hat diese Grenzen gesetzt? Der gesunde Menschenverstand, der nicht will, daß ein Talent das andere beeinträchtigt. Manchmal muß sich der Schauspieler dem Dichter aufopfern. — Aber wenn es ihm das Werk des Dichters erlaubte? Dann hätten Sie eine durchaus andere Art der Tragödie, als wir haben. — Und was schadete das? — Ich weiß nicht, was Sie dabei gewinnen wollten, aber ich weiß sehr genau, was wir dabei verlieren würden.“ (S. 64)
Andererseits: „ERSTER. Wenn man auf Grund einer langen Theaterpraxis in der Gesellschaft den theatralischen Pomp beibehält […], wissen Sie, was man da tut? Man verbindet mit einer kleinen oder großen Seele, je nach dem genauen Maß, das ihr die Natur gegeben hat, die äußeren Zeichen einer übersteigerten und riesenhaften Seele, die man nicht hat: und daraus entsteht das Lächerliche. […] ZWEITER. Ich glaube […], das Abbild wirklicher Größe kann niemals lächerlich sein. ERSTER. Was folgt daraus? ZWEITER. […] Es bedeutet, daß die wahre Tragödie noch gefunden werden muß und daß die Alten mit all ihren Fehlern ihr vielleicht näher waren als wir.“ (S. 49 f.)
Ein paar Schnipsel noch, die ich nicht vergessen will:
„Dem genialen Dichter, der die wundervolle Wahrheit der Natur erreichte, erhöbe sich ein ganzer Schwarm idiotischer Nachahmer. Bei Strafe, blöd, langweilig, widerwärtig zu sein, ist es verboten, auch nur eine Linie unter die Einfachheit der Natur zu geraten.“ (S. 65)
„Und wann, glauben Sie, daß die Truppe zu spielen anfängt, sich zu verstehen und sich dem Grad der Vollendung zu nähern beginnt, den er [ein gewisser neapolitanischer Dichter] fordert?(Die Seitenzahlen folgen der Insel-Ausgabe von von 1964. Übersetzung durch Katharina Scheinfuß.)
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