März 2008 Archives
16. 03. 2008, 22.45 Uhr
Klartext
Es freut mich immer, wenn Politiker kein Blatt vor den Mund nehmen und dabei noch Humor beweisen; wie neulich der tschechische Außenminister Karel Schwarzenberg bei einem Gespräch, das in der alten Zeit – pardon: ZEIT – zu lesen war. Meine beiden Lieblingspassagen:
„ZEIT: Präsident Putin droht damit, Raketen auf die Länder zu richten, die Abwehrsysteme errichten.
Schwarzenberg: Ich weiß überhaupt nicht, worauf diese Raketen bis jetzt gerichtet waren.
ZEIT: Sie zielten bereits auf Warschau und Prag?
Schwarzenberg: Das weiß ich nicht. [. . .] Es hat nie jemand gefragt, worauf diese Raketen eigentlich gerichtet sind. Es ist sehr nett, dass die Russen jetzt mitteilen, dass sie auf uns zielen.“
„ZEIT: Sie waren früher berühmt dafür, Klartext zu reden. Dürfen Sie das heute noch?
Schwarzenberg: Ja.
ZEIT: Dann charakterisieren Sie bitte die folgenden Personen kurz. [. . .] Nicolas Sarkozy.
Schwarzenberg: Ihm gilt meine große Bewunderung, schon allein, weil er Carla Bruni erobert hat. Das erfüllt mich mit Bewunderung und Neid. [. . .]“
(Die Zeit, 2008 Nr. 11, S. 8)
„ZEIT: Präsident Putin droht damit, Raketen auf die Länder zu richten, die Abwehrsysteme errichten.
Schwarzenberg: Ich weiß überhaupt nicht, worauf diese Raketen bis jetzt gerichtet waren.
ZEIT: Sie zielten bereits auf Warschau und Prag?
Schwarzenberg: Das weiß ich nicht. [. . .] Es hat nie jemand gefragt, worauf diese Raketen eigentlich gerichtet sind. Es ist sehr nett, dass die Russen jetzt mitteilen, dass sie auf uns zielen.“
„ZEIT: Sie waren früher berühmt dafür, Klartext zu reden. Dürfen Sie das heute noch?
Schwarzenberg: Ja.
ZEIT: Dann charakterisieren Sie bitte die folgenden Personen kurz. [. . .] Nicolas Sarkozy.
Schwarzenberg: Ihm gilt meine große Bewunderung, schon allein, weil er Carla Bruni erobert hat. Das erfüllt mich mit Bewunderung und Neid. [. . .]“
(Die Zeit, 2008 Nr. 11, S. 8)
14. 03. 2008, 03.20 Uhr
Kartoffel-Marktsprech
Eine gewisse Erfahrung, fast möchte ich sagen: Vertrautheit mit dem Wochenmarkteinkauf habe ich ja mit den Jahren gewonnen, meine ich. Von Kartoffeln weiß ich zum Beispiel, daß man heute nicht mehr zwischen festen und mehligen unterscheidet, sondern zwischen „festkochenden“ und „vorwiegend festkochenden“, und wenn Kartoffeln doch mal „mehlig“ sind, handelt es sich um Kartoffelmehl.
„Von den Vorwiegendfestkochenden!“, begegnete ich also neulich wortgewandt und schlagfertig jenem besonderen Blick meines Stammverkäufers, der den erfahreneren unter seinen Kunden zu verstehen gibt: Du bist dran, ich warte auf meinen Einsatz. Daß ich Kartoffeln wünschte, das hatten wir zuvor schon geklärt, ich war daher auf keine weiteren Komplikationen gefaßt. Aber ach!
„Von den Vorwiegendfestkochenden die mehligeren oder die weniger mehligen?“
Erwischt, die Spielregel war mir neu. Stammelnd konnte ich nur erwidern, daß mir Jenes egal sei und daß ich den Unterschied gar nicht wisse zwischen mehligeren und weniger mehligen vorwiegend festkochenden Erdäpfeln, während ich peinlich berührt zwischen den beiden bräunlichen Haufen hin- und herblickte, die mir geduldig bedeutet wurden. Ein Zustand, der – ein Glück! – nicht lange währte, denn in der unterschiedlichen Knollengröße der beiden Kartoffelsorten bot sich bald ein erstklassiger (wenngleich auch der erste beste) Grund, der einen vor der anderen den Vorzug zu geben. Dies tat ich, packte ein, zahlte und stahl mich nach hause wie ein einttarnter Spion, den niemand ernst nimmt.
Dabei schäle ich Kartoffeln überhaupt nicht.
„Von den Vorwiegendfestkochenden!“, begegnete ich also neulich wortgewandt und schlagfertig jenem besonderen Blick meines Stammverkäufers, der den erfahreneren unter seinen Kunden zu verstehen gibt: Du bist dran, ich warte auf meinen Einsatz. Daß ich Kartoffeln wünschte, das hatten wir zuvor schon geklärt, ich war daher auf keine weiteren Komplikationen gefaßt. Aber ach!
„Von den Vorwiegendfestkochenden die mehligeren oder die weniger mehligen?“
Erwischt, die Spielregel war mir neu. Stammelnd konnte ich nur erwidern, daß mir Jenes egal sei und daß ich den Unterschied gar nicht wisse zwischen mehligeren und weniger mehligen vorwiegend festkochenden Erdäpfeln, während ich peinlich berührt zwischen den beiden bräunlichen Haufen hin- und herblickte, die mir geduldig bedeutet wurden. Ein Zustand, der – ein Glück! – nicht lange währte, denn in der unterschiedlichen Knollengröße der beiden Kartoffelsorten bot sich bald ein erstklassiger (wenngleich auch der erste beste) Grund, der einen vor der anderen den Vorzug zu geben. Dies tat ich, packte ein, zahlte und stahl mich nach hause wie ein einttarnter Spion, den niemand ernst nimmt.
Dabei schäle ich Kartoffeln überhaupt nicht.
14. 03. 2008, 02.12 Uhr
Die 2^60-Byte-Bombe
Um „das Wachstum der digitalen Datenmenge“ geht es in einer neuen Studie der Firma IDC, die man bei Heise schön zusammengefaßt findet. Nachdem die Analysten, wie nachzulesen ist, sich mit der Prognose für das Jahr 2007 um immerhin nur zehn Prozent vertan hatten – nach unten –, zielen ihre neuesten Schätzungen steil aufwärts: Um jährlich sechzig Prozent werde das „digitale Universum“ bis 2011 expandieren, sich gegenüber 2006 also etwa verzehnfachen.
Obgleich in der Studie vorrangig von rohen Bitzahlen und ökonomischen Effekten der Datenflut (Universum, Flut . . . wieso blieb der Berg als Metapher noch unbemüht?) die Rede ist, weniger von der kodierten Information und davon, was damit anzustellen ist, hat mich schon der Titel des Heise-Artikels an Stanisław Lems Konzept der Megabit-Bombe erinnert. Lem, dem geistigen Vater des Lemtanks, geht es um die Gewinnung und Verarbeitung von Information speziell in der Wissenschaft. Ich zitiere:
Stimmt das? Wann wird es soweit sein? Und was passiert dann? — Spannende Fragen, die zu beantworten ich mir jedoch erspare. Ohnehin will ich die Lektüre der Summa, dieses immer noch zukunftweisenden Werkes aus den Sechzigern, hiermit vorbehaltlos empfehlen; so ist es vielleicht von Vorteil, nicht mehr als nötig vorwegzunehmen.
Der Heise-Artikel hebt einen in der Studie selbst nur am Rande vorkommenden Teilaspekt besonders hervor – zu Recht, meine ich, allein schon des schönen Sprachbildes wegen –, nämlich die „digitalen Schatten“ heutiger Menschen: „It is digital images of you on a surveillance camera and records in banking, brokerage, retail, airline, telephone, and medical databases. It is information about Web searches and general backup data. It is copies of hospital scans. In other words, it is information about you in cyberspace. Your digital shadow, if you will.“ (S. 7 der Studie)
Auch ein wichtiges Thema, gerade heute, gerade in Deutschland. Aber, wie so oft: ein anderes.
Obgleich in der Studie vorrangig von rohen Bitzahlen und ökonomischen Effekten der Datenflut (Universum, Flut . . . wieso blieb der Berg als Metapher noch unbemüht?) die Rede ist, weniger von der kodierten Information und davon, was damit anzustellen ist, hat mich schon der Titel des Heise-Artikels an Stanisław Lems Konzept der Megabit-Bombe erinnert. Lem, dem geistigen Vater des Lemtanks, geht es um die Gewinnung und Verarbeitung von Information speziell in der Wissenschaft. Ich zitiere:
„Die Informationsmenge, die man durch einen bestimmten Informationskanal übermitteln kann, ist begrenzt. Die Wissenschaft ist ein solcher Kanal, der die Zivilisation mit der Außenwelt verbindet (und auch mit ihrer eigenen Innenwelt, denn neben der materiellen Umwelt erforscht sie ja auch die Gesellschaft und den Menschen). Die exponentiell wachsende Zahl der Wissenschaftler bedeutet, daß die Kapazität jenes Kanals ständig vergrößert wird. Diese Vergrößerung war notwendig, weil die zu übermittelnde Informationsmenge exponentiell wuchs. Mit der größeren Zahl von Wissenschaftlern wuchs die Menge der entstehenden Information; das machte eine ,Erweiterung‘ des Informationskanals durch die ,parallele Verlegung‘ neuer Kanäle, also die Rekrutierung zusätzlicher Wissenschaftler, erforderlich; das wiederum führte zu einem weiteren Anwachsen der zu übermittelnden Information, und so weiter. Es handelte sich um einen Prozeß mit positiver Rückkoppelung.
Schließlich muß jedoch ein Zustand eintreten, in dem es sich als unmöglich erweist, die Übermittlungskapazität der Wissenschaft weiterhin in dem Tempo zu steigern, wie es das Wachstum der Informationsmenge erfordert. Es fehlt an Kandidaten für die Wissenschaft. Genau das ist die Situation der ,Megabit-Bombe‘ oder, wenn man so will, der ,Informationsbarriere‘. Die Wissenschaft vermag diese Barriere nicht zu überschreiten, die auf sie zukommende Informationslawine nicht zu bewältigen.“
(Stanisław Lem, Summa technologiae, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1981 (poln. Original 1964); S. 142 f.)
Schließlich muß jedoch ein Zustand eintreten, in dem es sich als unmöglich erweist, die Übermittlungskapazität der Wissenschaft weiterhin in dem Tempo zu steigern, wie es das Wachstum der Informationsmenge erfordert. Es fehlt an Kandidaten für die Wissenschaft. Genau das ist die Situation der ,Megabit-Bombe‘ oder, wenn man so will, der ,Informationsbarriere‘. Die Wissenschaft vermag diese Barriere nicht zu überschreiten, die auf sie zukommende Informationslawine nicht zu bewältigen.“
(Stanisław Lem, Summa technologiae, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1981 (poln. Original 1964); S. 142 f.)
Stimmt das? Wann wird es soweit sein? Und was passiert dann? — Spannende Fragen, die zu beantworten ich mir jedoch erspare. Ohnehin will ich die Lektüre der Summa, dieses immer noch zukunftweisenden Werkes aus den Sechzigern, hiermit vorbehaltlos empfehlen; so ist es vielleicht von Vorteil, nicht mehr als nötig vorwegzunehmen.
Der Heise-Artikel hebt einen in der Studie selbst nur am Rande vorkommenden Teilaspekt besonders hervor – zu Recht, meine ich, allein schon des schönen Sprachbildes wegen –, nämlich die „digitalen Schatten“ heutiger Menschen: „It is digital images of you on a surveillance camera and records in banking, brokerage, retail, airline, telephone, and medical databases. It is information about Web searches and general backup data. It is copies of hospital scans. In other words, it is information about you in cyberspace. Your digital shadow, if you will.“ (S. 7 der Studie)
Auch ein wichtiges Thema, gerade heute, gerade in Deutschland. Aber, wie so oft: ein anderes.