November 2007 Archives
11. 11. 2007, 13.06 Uhr
Fortschritt über die Klippe des Gemüsebeets
Den Marktschreiern der alten Tage weine ich, soweit es jedenfalls die Wochenmärkte meines eigenen Einkaufens betrifft, keine Träne nach. Wie schön ist es doch, ruhig von Stand zu stand zu schreiten und besonnen die Produkte zu vergleichen, in zivilisiertem Ton den Verkäufern – „Ihnen auch!" – ein schönes Wochenende zu wünschen, nachdem man ohne Hektik und mit freundlichem Lächeln über die saisonal empfehlenswerten Gemüse beraten worden ist. Ein Hoch also dem Einzug der modernen Gesittung auf die Marktplätze!
Es geschieht aber zuweilen, daß einem die Zivilisation aus der Marktsprache jäh und mit solcher Gewalt entgegenschlägt, daß man das gute alte Geschrei vorziehen möchte. So vor acht Tagen: Der mittelalte, ohrberingte Verkäufer meines Lieblingsstandes war, nachdem ich meine Einkaufsliste im wesentlichen abgetragen hatte, gerade in die Phase des Mir-die-Angebote-des-Tages-Empfehlens eingetreten; konnte mich jedoch von nichts so recht überzeugen, sodaß ich nach „Wir haben heute auch ganz frischen Blumenkohl!“ gerade zu einem einkaufbeschließenden Wort ansetzen wollte.
Doch da fiel der Hammer: „Die sind diesmal besonders klein, auch ideal für Single-Haushalte!“
Ich war absolut baff, erwarb widerstandslos einen größeren Singlehaushaltblumenkohl und ging den Weg durch die Stadt bis zum heimischen Vorratsschrank wie im Traum. Blumenkohl für Single-Haushalte? Kommt als nächstes der Kürbis für Untermieter? Wieso nicht auch Lauchzwiebeln für Wenigtelephonierer? Pastinaken für Mützenträger!
Eitel alle Einfachheit auf Erden.
Es geschieht aber zuweilen, daß einem die Zivilisation aus der Marktsprache jäh und mit solcher Gewalt entgegenschlägt, daß man das gute alte Geschrei vorziehen möchte. So vor acht Tagen: Der mittelalte, ohrberingte Verkäufer meines Lieblingsstandes war, nachdem ich meine Einkaufsliste im wesentlichen abgetragen hatte, gerade in die Phase des Mir-die-Angebote-des-Tages-Empfehlens eingetreten; konnte mich jedoch von nichts so recht überzeugen, sodaß ich nach „Wir haben heute auch ganz frischen Blumenkohl!“ gerade zu einem einkaufbeschließenden Wort ansetzen wollte.
Doch da fiel der Hammer: „Die sind diesmal besonders klein, auch ideal für Single-Haushalte!“
Ich war absolut baff, erwarb widerstandslos einen größeren Singlehaushaltblumenkohl und ging den Weg durch die Stadt bis zum heimischen Vorratsschrank wie im Traum. Blumenkohl für Single-Haushalte? Kommt als nächstes der Kürbis für Untermieter? Wieso nicht auch Lauchzwiebeln für Wenigtelephonierer? Pastinaken für Mützenträger!
Eitel alle Einfachheit auf Erden.
11. 11. 2007, 03.25 Uhr
Versuch über das deutsche Nationalgefühl
Der Dilettantismus der folgenden Zeilen dürfte, so meine – hoffe! – ich jedenfalls, von keinem vergangenen oder künftigen Artikel dieser Serie zu übertreffen sein. Hierfür bitte ich im Voraus um Vergebung. Doch kann ich mich nicht enthalten, nachdem ich gestern einem inhaltsreichen sowie mit Elan auf hohem Niveau geführten Gespräch über den Begriff der Nation beiwohnte (von Teilnahme rede ich lieber nicht) und sich mir anschließend eigene, vielleicht neue Gedanken zum Thema bildeten, diese zur Beurteilung und Diskussion zu präsentieren. Es sei zu dieser Gelegenheit darauf hingewiesen, daß ich per Elektropost an mich gesandte Kommentare hocherfreut lesen und nach Wunsch möglicherweise auch veröffentlichen würde.
Was heißt „Nation“? Was meint, wer sagt: „Ich bin [dieser und jener Nation angehörig, sagen wir:] Utopier"? Zwei völlig überkommene Definitionsansätze, nämlich den der Rassemerkmale und den der geographischen Grenzen, will ich mir gar nicht erst die Mühe machen zu widerlegen. Auch der Besitz eines Passes kann kein geeignetes Kriterium sein, wenn man die überall andere und niemals gerechte Bürokratie bedenkt, die mit Ausweisdokumenten verbunden ist. Und natürlich sind Staaten keine Nationen, höchstens Nationalstaaten, aber das wäre ein anderes Thema.
Einen besseren Ansatz, beispielsweise im Hinblick auf Migranten und deren Nachkommen, verspricht die „Kulturnation“: Gemeinsame Gebräuche, Sitten und Sprache seien es, die eine Nation ausmachten. Mir scheint indes dieser Begriff noch einer Modifikation zu bedürfen. Denn was ist, um ein plakatives Beispiel zu wählen, mit Angehörigen heutiger oder nicht lange vergangener Naturvölker, vulgo Indianern, die (wohl oder übel) ihr Leben westlich-zivilisierten Gesellschaften angepaßt haben und ihre Bräuche nicht mehr pflegen? Dürfen sie sich nicht mehr bei ihren alten Namen nennen? Ich finde doch, und so gelange ich dazu, den Nationenbegriff an das Zugehörigkeitsgefühl jedes einzelnen Menschen zu einer Nation knüpfen zu wollen. Was idealistisch und vage ist; zweiteres, da Gefühle nicht eindeutig zu sein pflegen. Der europäische Denker Jorge Semprún kann seine Identität gar überhaupt nicht an einer Nation festmachen:
„Manchmal, wenn man mich fragt, wer ich wirklich bin, Franzose oder Spanier, Schriftsteller oder Politiker, gebe ich zur Antwort – und das erste Mal geschah dies mit kategorischer Spontaneität: mit einem Aufschrei des Herzens –, daß ich zunächst und vor allem, oder vor allem anderen, ehemaliger Häftling von Buchenwald bin.“
(Jorge Semprun, Blick auf Deutschlands Zukunft. Rede zur Entgegennahme des Weimar-Preises der Stadt Weimar am Tag der Deutschen Einheit, 3. Oktober 1995, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995; Seite 17)
Doch bei aller Vagheit, ein besseres Kriterium als die persönliche Überzeugung, einer Nation anzugehören, kann ich mir für das tatsächliche Zugehörigsein nicht denken. Wer die Frage „Fühlst du dich als Utopier?“ überzeugt mit Ja beantwortet, der sollte als einer betrachtet werden.
Als Deutscher hört man oft – nach meiner Empfindung oft – von ausländischen Freunden, liest man oft bei aus- wie inländischen Autoren, die heutigen Deutschen hätten ein „gestörtes“ Nationalgefühl, oder gar keines, auf jeden Fall sei spätestens seit dem zweiten Weltkrieg etwas nicht mehr normal damit. Vergessen wir einmal die Gegenstimmen, welche irgendwo im kulturellen Leben, meinetwegen im Fußball, Renormalisierungskräfte sehen wollen, auch wenn sie vielleicht recht haben. Halten wir überspitzt und daher gewiß unwahr einfach fest:
• Von Traditionen beinahe jeglicher Art (Liedern, Festen, Speisen …) ist uns Deutschen nahezu nichts geblieben.
• Auf die Frage „Fühlst du dich als Deutscher?“ reagieren wir entweder mit Ratlosigkeit – Was ist denn das für eine Frage? Wie sollte es sich denn anfühlen? – oder Bekenntnissen zum Weltbürgertum.
• Politisch fühlen wir uns ungeheuer verantwortlich, stets rational, frei, modern und zum Besten für die ganze Welt zu entscheiden.
Dies gedacht, trete ich einen Schritt zurück — und es geschieht etwas beinahe Gespenstisches: Ja, ich weiß beinahe nichts von deutschen Liedern, christlich-deutschen Festen und sonstigem deutschem Brauchtum. Die Frage, ob ich mich deutsch fühle, überfordert mich völlig. Und hätte ich die Wahl zwischen einer Regierung mit guter (was immer „gut“ heißt) Innen- und einer mit guter Außenpolitik, so entschiede ich mich für die letztere. All dies trifft auf mich so sehr zu, daß ich mich damit identifizieren kann: Das b i n ich. Und falls all dies ferner dasjenige ist, was heute das Deutschsein ausmacht, dann — fühle ich mich deutsch. Das ist mehr als die logische Spielerei, die Menge aller noch nicht in gewisse Mengen eingeteilter Menschen zu bilden. Denn es f ü h l t sich für mich richtig a n , zu denken: ich gehöre der Nation jener an, die nicht national denken.
Vielleicht ist das dialektisch. Vielleicht barer Unsinn. Auf jeden Fall aber kein fertiges Gedankengebäude, an dem ich mich festnageln lassen möchte; im Gegenteil gilt das erste Wort des Titels: Ein „Versuch“ war dies, ein erster noch dazu. Mag sein, daß ich mich schon im zweiten, sofern es je einen geben sollte, bei einem gänzlich anderen Resultat wiederfinde.
Was heißt „Nation“? Was meint, wer sagt: „Ich bin [dieser und jener Nation angehörig, sagen wir:] Utopier"? Zwei völlig überkommene Definitionsansätze, nämlich den der Rassemerkmale und den der geographischen Grenzen, will ich mir gar nicht erst die Mühe machen zu widerlegen. Auch der Besitz eines Passes kann kein geeignetes Kriterium sein, wenn man die überall andere und niemals gerechte Bürokratie bedenkt, die mit Ausweisdokumenten verbunden ist. Und natürlich sind Staaten keine Nationen, höchstens Nationalstaaten, aber das wäre ein anderes Thema.
Einen besseren Ansatz, beispielsweise im Hinblick auf Migranten und deren Nachkommen, verspricht die „Kulturnation“: Gemeinsame Gebräuche, Sitten und Sprache seien es, die eine Nation ausmachten. Mir scheint indes dieser Begriff noch einer Modifikation zu bedürfen. Denn was ist, um ein plakatives Beispiel zu wählen, mit Angehörigen heutiger oder nicht lange vergangener Naturvölker, vulgo Indianern, die (wohl oder übel) ihr Leben westlich-zivilisierten Gesellschaften angepaßt haben und ihre Bräuche nicht mehr pflegen? Dürfen sie sich nicht mehr bei ihren alten Namen nennen? Ich finde doch, und so gelange ich dazu, den Nationenbegriff an das Zugehörigkeitsgefühl jedes einzelnen Menschen zu einer Nation knüpfen zu wollen. Was idealistisch und vage ist; zweiteres, da Gefühle nicht eindeutig zu sein pflegen. Der europäische Denker Jorge Semprún kann seine Identität gar überhaupt nicht an einer Nation festmachen:
„Manchmal, wenn man mich fragt, wer ich wirklich bin, Franzose oder Spanier, Schriftsteller oder Politiker, gebe ich zur Antwort – und das erste Mal geschah dies mit kategorischer Spontaneität: mit einem Aufschrei des Herzens –, daß ich zunächst und vor allem, oder vor allem anderen, ehemaliger Häftling von Buchenwald bin.“
(Jorge Semprun, Blick auf Deutschlands Zukunft. Rede zur Entgegennahme des Weimar-Preises der Stadt Weimar am Tag der Deutschen Einheit, 3. Oktober 1995, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995; Seite 17)
Doch bei aller Vagheit, ein besseres Kriterium als die persönliche Überzeugung, einer Nation anzugehören, kann ich mir für das tatsächliche Zugehörigsein nicht denken. Wer die Frage „Fühlst du dich als Utopier?“ überzeugt mit Ja beantwortet, der sollte als einer betrachtet werden.
Als Deutscher hört man oft – nach meiner Empfindung oft – von ausländischen Freunden, liest man oft bei aus- wie inländischen Autoren, die heutigen Deutschen hätten ein „gestörtes“ Nationalgefühl, oder gar keines, auf jeden Fall sei spätestens seit dem zweiten Weltkrieg etwas nicht mehr normal damit. Vergessen wir einmal die Gegenstimmen, welche irgendwo im kulturellen Leben, meinetwegen im Fußball, Renormalisierungskräfte sehen wollen, auch wenn sie vielleicht recht haben. Halten wir überspitzt und daher gewiß unwahr einfach fest:
• Von Traditionen beinahe jeglicher Art (Liedern, Festen, Speisen …) ist uns Deutschen nahezu nichts geblieben.
• Auf die Frage „Fühlst du dich als Deutscher?“ reagieren wir entweder mit Ratlosigkeit – Was ist denn das für eine Frage? Wie sollte es sich denn anfühlen? – oder Bekenntnissen zum Weltbürgertum.
• Politisch fühlen wir uns ungeheuer verantwortlich, stets rational, frei, modern und zum Besten für die ganze Welt zu entscheiden.
Dies gedacht, trete ich einen Schritt zurück — und es geschieht etwas beinahe Gespenstisches: Ja, ich weiß beinahe nichts von deutschen Liedern, christlich-deutschen Festen und sonstigem deutschem Brauchtum. Die Frage, ob ich mich deutsch fühle, überfordert mich völlig. Und hätte ich die Wahl zwischen einer Regierung mit guter (was immer „gut“ heißt) Innen- und einer mit guter Außenpolitik, so entschiede ich mich für die letztere. All dies trifft auf mich so sehr zu, daß ich mich damit identifizieren kann: Das b i n ich. Und falls all dies ferner dasjenige ist, was heute das Deutschsein ausmacht, dann — fühle ich mich deutsch. Das ist mehr als die logische Spielerei, die Menge aller noch nicht in gewisse Mengen eingeteilter Menschen zu bilden. Denn es f ü h l t sich für mich richtig a n , zu denken: ich gehöre der Nation jener an, die nicht national denken.
Vielleicht ist das dialektisch. Vielleicht barer Unsinn. Auf jeden Fall aber kein fertiges Gedankengebäude, an dem ich mich festnageln lassen möchte; im Gegenteil gilt das erste Wort des Titels: Ein „Versuch“ war dies, ein erster noch dazu. Mag sein, daß ich mich schon im zweiten, sofern es je einen geben sollte, bei einem gänzlich anderen Resultat wiederfinde.